Ist Soja gesund? Die wissenschaftliche Antwort auf 8 verbreitete Mythen – Ernährung
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Bericht · Ernährung

Ist Soja gesund? Die wissenschaftliche Antwort auf 8 verbreitete Mythen

Kaum ein Lebensmittel ist von so vielen widersprüchlichen Behauptungen umgeben wie Soja: Es soll angeblich den Hormonhaushalt stören, das Brustkrebsrisiko erhöhen, Männer "verweiblichen" und die Schilddrüse schädigen. Was sagt die tatsächliche Studienlage

Phytoöstrogene und Isoflavone

Der Kern der Soja-Kontroverse sind die in Sojabohnen enthaltenen Isoflavone (Genistein, Daidzein, Glycitein) – sekundäre Pflanzenstoffe aus der Gruppe der Phytoöstrogene. Sie sind strukturell dem körpereigenen Östrogen (Östradiol) ähnlich und können an Östrogenrezeptoren andocken. Entscheidend ist jedoch: Ihre hormonelle Wirkung ist 100- bis 10.000-fach schwächer als die von körpereigenem Östrogen.

Diese geringe Wirkstärke ist auch der Grund, warum nahezu sämtliche internationalen Ernährungs- und Gesundheitsfachgesellschaften regelmäßigen, moderaten Sojakonsum als sicher einstufen.


Brustkrebsrisiko

Die Sorge vor einem erhöhten Brustkrebsrisiko durch Soja stammt überwiegend aus frühen Zellkultur- und Tierstudien mit isolierten, hochdosierten Isoflavonen – nicht aus Humanstudien. Das American Institute for Cancer Research stellt klar, dass Sojakonsum beim Menschen nicht zu einer Erhöhung des Östrogenspiegels führt; auch Brustkrebspatientinnen müssen bei moderatem Sojakonsum keine Befürchtungen haben. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kommt nach einer Expertenanhörung zum gleichen Schluss: Die Aufnahme von Isoflavonen im Rahmen einer normalen Sojakost in üblichen Verzehrmengen gilt als unbedenklich.

Eine 2010 veröffentlichte umfassende Literaturzusammenfassung kommt sogar zu einem positiven Ergebnis: Frauen mit lebenslangem, moderatem Sojaverzehr zeigten ein verringertes Brustkrebsrisiko gegenüber Frauen, die Soja nur selten oder in geringen Mengen konsumierten. Besonders relevant scheint dabei ein früher Beginn des Sojaverzehrs im ersten Lebensjahrzehnt zu sein – eine mögliche Teilerklärung dafür, warum asiatische Frauen, die im Schnitt schon seit der Kindheit regelmäßig Soja konsumieren, in epidemiologischen Studien stärker profitieren als europäische Frauen.

Auch die British Dietetic Association und die American Academy of Pediatrics stellen einen wissenschaftlichen Konsens fest: Es gibt keine überzeugenden Beweise aus Tierversuchen oder Humanstudien, dass Soja-Isoflavone negative Effekte auf die menschliche Entwicklung, Fortpflanzungsfähigkeit oder den Hormonhaushalt haben.


Testosteron und männliche Fruchtbarkeit

Eine 2010 veröffentlichte Metaanalyse, die 15 placebokontrollierte Studien sowie 32 weitere Berichte auswertete, fand keinen signifikanten negativen Effekt von Soja oder isolierten Soja-Isoflavonen auf den Testosteronspiegel oder andere Fruchtbarkeitsparameter bei Männern. In einer separaten Untersuchung erhielten Probanden über zwei Monate Isoflavon-Mengen in Höhe des durchschnittlichen japanischen Sojakonsums – einer der weltweit höchsten – ohne dass sich Spermienvolumen oder -beweglichkeit verschlechterten.


Antinährstoffe in Soja

Phytinsäure kann zwar die Aufnahme bestimmter Mineralstoffe (Eisen, Zink, Calcium, Magnesium) etwas mindern, hat zugleich aber positive Eigenschaften: Sie wirkt blutzuckerregulierend, antioxidativ und wird mit krebspräventiven Effekten in Verbindung gebracht. Der Körper kann bei längerfristig erhöhter Zufuhr außerdem kompensatorische Anpassungen entwickeln (u.a. über Veränderungen im Mikrobiom). Praktische Reduktionstechniken: 12-stündiges Einweichen und Kochen von Hülsenfrüchten reduziert den Phytatgehalt um etwa die Hälfte, Sauerteig-Fermentation bei Getreide um bis zu 70 %.

Lektine (auch als Hämagglutinine bezeichnet – beide Begriffe meinen dieselbe Stoffgruppe) sind in der rohen Sojabohne in hoher Konzentration vorhanden, aber nicht hitzestabil. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 1992, die zehn Untersuchungen aus den 1980er Jahren zusammenfasste, zeigt: Schon 15 Minuten Kochzeit nach vorherigem Einweichen reichen aus, um Lektine selbst in größeren Hülsenfrüchten wie Kidneybohnen vollständig zu deaktivieren – noch vor vollständigem Gargrad.

Proteaseinhibitoren (z.B. Trypsininhibitoren) hemmen theoretisch die Eiweißverdauung, werden aber durch übliche Zubereitungsmethoden (Einweichen, Kochen) zu 90–100 % deaktiviert. Eine 2017 veröffentlichte Untersuchung bestätigte dies auch für Linsen, Sojabohnen und Kidneybohnen – selbst vorgegarte Hülsenfrüchte aus der Dose zeigten keine messbare Restaktivität mehr. Neuere Forschung diskutiert sogar mögliche präventive Effekte von Proteaseinhibitoren gegen bestimmte Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Oxalsäure: Sojaprodukte wie Tofu und Sojamilch enthalten im Vergleich zu oxalsäurereichen Gemüsesorten wie Spinat (bis zu 1.000 mg/100 g) nur geringe Mengen Oxalsäure (2–2.100 mg/100 g, je nach Produkt) und werden teils sogar als günstig für Menschen mit erhöhtem Nierensteinrisiko eingeordnet. Kochen reduziert den Oxalsäuregehalt zusätzlich um 30–80 %.

Saponine gelten seit den 1980er Jahren als unbedenklich: Eine Publikation aus 1981 zeigte, dass Saponine im Verdauungstrakt bakteriell abgebaut und nicht ins Blut aufgenommen werden – selbst bei dreifach erhöhter Konzentration. Manche Forscher diskutieren sie sogar als einen der Faktoren für das reduzierte Krebsrisiko bei regelmäßigem Sojaverzehr.


Schilddrüse und Jod

Soja enthält goitrogene (kropfbildende) Substanzen, die theoretisch die Schilddrüsenhormonsynthese hemmen können. Entscheidend ist jedoch: Dieser Effekt wird nur relevant bei gleichzeitigem Jodmangel. Eine Übersichtsarbeit aus 14 Studien sowie eine Stellungnahme der Academy of Nutrition and Dietetics bestätigen, dass bei gesunden, jodversorgten Personen keine negativen Effekte auf die Schilddrüse auftreten.

Um überhaupt einen messbaren negativen Effekt zu erzielen, müsste eine Person über Monate täglich etwa ein halbes Kilo rohen Weißkohl oder über zwei Kilo Chinakohl essen – und gleichzeitig schlecht mit Jod versorgt sein.

Eine Auswertung der Adventist Health Study 2, einer der größten Kohortenstudien zu pflanzenbasierter Ernährung, zeigte: Veganer (trotz oft höherem Sojakonsum) hatten kein erhöhtes Risiko für eine Schilddrüsenunterfunktion im Vergleich zu Mischköstlern – tendenziell sogar ein etwas (statistisch nicht signifikant) geringeres Risiko.


Proteinqualität

Sojaprotein gehört unter den pflanzlichen Proteinquellen zu jenen mit dem besten Aminosäureprofil und einer mit tierischen Proteinen vergleichbar hohen biologischen Wertigkeit. Die häufig vorgebrachte Kritik am angeblich niedrigen Methionin- und Cysteingehalt lässt sich biochemisch entkräften: Cystein ist gar keine essenzielle Aminosäure, da der Körper sie aus Methionin selbst herstellen kann.


Fermentiert vs. unfermentiert

Eine verbreitete Empfehlung lautet, nur fermentierte Sojaprodukte (Tempeh, Miso, Natto) seien gesund, da die "schädlichen" Isoflavone dabei abgebaut würden. Diese Annahme ist biochemisch nicht korrekt: In unfermentierten Sojaprodukten liegen Isoflavone größtenteils als Glykoside vor (an ein Zuckermolekül gebunden) und müssen im Verdauungstrakt erst enzymatisch in ihre wirksamere freie Form (Aglykone) umgewandelt werden. Bei der Fermentation wird dieses Zuckermolekül bereits durch Bakterien abgespalten – fermentierte Produkte enthalten somit mehr, nicht weniger, der biologisch aktiven Isoflavon-Form.

Da die Wirkung der Isoflavone insgesamt überwiegend neutral bis positiv bewertet wird, ist diese Unterscheidung für die Praxis letztlich nicht entscheidend: Sowohl unfermentierte Produkte wie Tofu als auch fermentierte wie Tempeh und Miso gelten als gesundheitlich wertvoll.


Ökologie und Gentechnik

Regenwaldabholzung: Nur etwa 2 % der weltweiten Sojaernte gelangt in Form von Sojaprodukten direkt in die menschliche Ernährung. Problematisch für den Regenwald sind die rund 80 % der Ernte, die als Futtermittel in der industriellen Tierhaltung verwendet werden. Sojaprodukte, die in Europa für den direkten menschlichen Verzehr verkauft werden, stammen praktisch nie aus Regenwaldrodungsgebieten.

Gentechnik: Aufgrund der EU-Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel und der sehr geringen Verbraucherakzeptanz gibt es im europäischen Einzelhandel praktisch keine als gentechnisch verändert deklarierten Sojaprodukte für den Direktverzehr.


Allergien

Echte Sojaallergien sind real, aber im Vergleich zu anderen Lebensmittelallergien selten und meist weniger sensibel: Während bei Erdnussallergien schon 0,1 mg Erdnussprotein bei besonders empfindlichen Personen eine Reaktion auslösen kann, liegt diese Schwelle bei Soja selbst bei den sensibelsten Betroffenen erst bei etwa 400 mg. Allergiker sind die einzige Personengruppe, für die ein Verzicht auf Soja medizinisch begründet ist.


Fazit

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt insgesamt ein deutlich positiveres Bild von Soja, als es viele verbreitete Mythen vermitteln. Moderate Mengen Sojaprodukte (etwa 1–3 Portionen täglich) gelten nach aktuellem Stand der Forschung als sicher und gesundheitsförderlich – mit Ausnahme der vergleichsweise seltenen echten Sojaallergie. Wer Soja meidet, tut dies nicht aus belastbaren gesundheitlichen Gründen, sondern allenfalls aus persönlicher Präferenz. Mehr zu Soja im Kontext des allgemeinen Proteinbedarfs liest du in unseren Artikeln zu Protein und Protein bei vegetarischer und veganer Ernährung.


Dieser Artikel fasst öffentlich verfügbare wissenschaftliche Studien und Stellungnahmen von Fachgesellschaften (u.a. American Institute for Cancer Research, BfR, British Dietetic Association, American Academy of Pediatrics) zusammen und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

Tags: Soja, Phytoöstrogene
Sam Feuerstein
Über den Autor
Sam Feuerstein

Ich bin weder Arzt noch Ernährungswissenschaftler. Aber seit 2015 beschäftige ich mich damit, wie wir mit Biohacking über unsere Grenzen hinauswachsen können. Sowohl kognitiv, als auch körperlich. Diese Informationen aus Podcasts, Büchern, Experteninterviews und wissenschaftlichen Studien trage ich hier sorgfältig zusammen und bemühe mich, sie sowohl wissenschaftlich kritisch einzuordnen, als auch mit meinen persönlichen Erfahrungen abzugleichen. Dabei probiere ich möglichst vieles an mir selbst aus. Seien es Trainingspläne, neue Wearables, um unsichtbare Daten sichtbar zu machen oder Supplements. Mein Ziel ist es die evidenzbasierte Wissenschaft mit meinen eigenen Erfahrungen zu ergänzen und der Biohacking Community zur Verfügung zu stellen. Vieles aus meinem Biohacking und Self Optimization Alltag teile ich auf Instagram und in meinem Podcast.

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