Zu viel Salz, zu wenig Kalium: Dieses Ungleichgewicht betrifft praktisch jede westliche Ernährungsform – ob vegan, vegetarisch oder mischköstlich. Die Global Burden of Disease Study identifiziert hohen Salzkonsum als den weltweit schwerwiegendsten ernähru
Natrium (überwiegend außerhalb der Zelle) und Kalium (überwiegend innerhalb der Zelle) wirken im menschlichen Körper als physiologische Gegenspieler und müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, damit zentrale Körperfunktionen reibungslos ablaufen.
Ein Vergleich mit der Ernährung während der menschlichen Evolution zeigt, wie stark sich dieses Verhältnis verschoben hat:
Auch in absoluten Mengen ist die Verschiebung dramatisch: Die geschätzte steinzeitliche Kaliumzufuhr lag bei 10.000–15.000 mg täglich, heute liegt sie bei nur etwa 3.000 mg (Männer) bzw. 2.300 mg (Frauen). Umgekehrt lag die geschätzte steinzeitliche Natriumzufuhr bei lediglich 700–800 mg täglich (entsprechend etwa 1,8–2 g Salz) – ein Bruchteil der heutigen Aufnahme.
Evolutionäre Erklärung für unsere Salzvorliebe: Natriumchlorid war in der natürlichen Umgebung des Menschen lange ein seltenes Mineral. Eine evolutiv geprägte Vorliebe für salzreiche Lebensmittel sicherte früher die ausreichende Versorgung. Mit der breiten, günstigen Verfügbarkeit von Salz in der modernen Ernährung – etwa 80 % des gesamten Salzkonsums in der westlichen Ernährung stammen aus industriell verarbeiteten Produkten – wirkt sich diese Vorliebe heute gesundheitlich nachteilig aus.
Bluthochdruck: Eine zu hohe Salzzufuhr erhöht bei empfindlichen Personen den Blutdruck – ein unabhängiger und bedeutender Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die weltweit häufigste Todesursache. Wichtige Einschränkung: Nur etwa 30 % der Bevölkerung sind tatsächlich "salzsensitiv" (reagieren mit messbarem Blutdruckanstieg auf erhöhte Salzzufuhr) – der Anteil ist bei Frauen höher als bei Männern und bei Schwarzen Personen höher als bei Weißen.
Auch für nicht salzsensitive Personen gibt es zwei weitere relevante Risiken:
Magenkrebs: Epidemiologische Studien zeigen eine Assoziation zwischen hoher Salzzufuhr und einem erhöhten Magenkrebsrisiko; auch experimentelle Studien stützen diesen Zusammenhang.
Darmflora und Entzündungsprozesse: Eine sehr salzreiche Ernährung kann das Mikrobiom negativ beeinflussen und Entzündungsprozesse im Körper begünstigen.
Die Global Burden of Disease Study, veröffentlicht 2019 im Fachjournal The Lancet, gilt als die weltweit größte Untersuchung zu Ernährung, Lebensstil und chronischen Erkrankungen. Über 9.000 Wissenschaftler aus mehr als 160 Ländern und Territorien haben seit 1990 an diesem Forschungsprojekt mitgewirkt. Ein zentrales Ergebnis: Ein zu hoher Salzkonsum gilt als der schwerwiegendste ernährungsbedingte Risikofaktor für frühzeitige Sterblichkeit und Invalidität weltweit.
| Quelle | Empfehlung |
|---|---|
| WHO | maximal 5 g Salz/Tag |
| DGE | unter 6 g Salz/Tag |
| Bei Bluthochdruck | maximal 3 g Salz/Tag (ca. 1.200 mg Natrium) |
Zur Einordnung: 1 g Salz entspricht 0,4 g (400 mg) Natrium.
Die tatsächlichen Verzehrsdaten in Deutschland zeigen ein deutliches Auseinanderklaffen zur Empfehlung: Der Median liegt bei Männern bei etwa 10 g Salz pro Tag, bei Frauen bei etwa 8,5 g. Rund 70 % der Frauen und 80 % der Männer überschreiten damit den DGE-Grenzwert von 6 g – 15 % der Frauen und 23 % der Männer nehmen sogar mehr als 15 g Speisesalz pro Tag zu sich.
Die DGE empfiehlt eine Kaliumzufuhr von 4.000 mg täglich für beide Geschlechter. Eine zu geringe Kaliumzufuhr kann zu Muskelkrämpfen, Abgeschlagenheit, allgemeinem Schwächegefühl, Konzentrationsschwierigkeiten und Appetitverlust führen.
Wichtig: Das Ungleichgewicht zwischen zu viel Salz und zu wenig Kalium betrifft alle Ernährungsformen gleichermaßen – vegan, vegetarisch und mischköstlich. Es handelt sich nicht um ein Problem einzelner Ernährungsweisen, sondern um ein gesamtgesellschaftliches Muster moderner Ernährungsgewohnheiten.
Wichtig auch: Man muss die Kaliumzufuhr nicht auf das geschätzte Steinzeitniveau (10.000–15.000 mg) anheben und die Natriumzufuhr nicht auf 700–800 mg senken. Schon die Einhaltung der DGE-Empfehlungen (4.000 mg Kalium, maximal 6 g Salz) würde eine deutliche Verbesserung gegenüber dem heutigen Durchschnitt bedeuten.
Eine reine Salzreduktion ist für viele Menschen schwer umsetzbar, da Natrium ein essenzielles Mineral ist, das die meisten Menschen einfach gerne in größeren Mengen konsumieren. Eine in der Ernährungspraxis oft empfohlene, alltagstauglichere Strategie lautet deshalb: primär die Kaliumzufuhr erhöhen, statt sich ausschließlich auf Salzreduktion zu konzentrieren – beide Maßnahmen verbessern das Verhältnis, aber die Kaliumerhöhung lässt sich für die meisten Menschen leichter in den Alltag integrieren.
Sogenanntes Kaliumsalz (auch "Blutdrucksalz") ersetzt einen Teil des Natriumchlorids durch Kaliumchlorid. Bei gleicher Zugabemenge liefert ein solches Produkt etwa 50 % weniger Natrium und erhöht gleichzeitig die Kaliumzufuhr.
Eine in einem Altersheim durchgeführte Studie zeigte eindrucksvoll das Potenzial dieser einfachen Maßnahme: Der Ersatz von herkömmlichem Speisesalz durch Kaliumsalz reduzierte die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Untersuchungszeitraum um mehr als ein Drittel. Etwa 80 % der Probanden bemerkten den geschmacklichen Unterschied gar nicht – manche bevorzugten sogar den Geschmack des Kaliumsalzes.
Wichtiger medizinischer Hinweis: Bei Störungen des Kaliumhaushalts und insbesondere bei Niereninsuffizienz sollte vor der Verwendung von Kaliumsalz unbedingt Rücksprache mit dem behandelnden Arzt gehalten werden, da eine Überversorgung mit Kalium in diesen Fällen gefährlich sein kann.
Hinweis zum Preis: Egal ob günstiges Meersalz oder hochpreisige Spezialsalze – sämtliche handelsüblichen Speisesalze bestehen ernährungsphysiologisch im Wesentlichen aus Natrium und Chlorid und unterscheiden sich kaum relevant voneinander. Das "gesündeste" Salz ist schlicht jenes, das die Natriumzufuhr reduziert und gleichzeitig zusätzlich Kalium liefert.
Der Geschmackssinn ist anpassungsfähig: Nach einigen Wochen reduzierter Salzzufuhr werden zuvor normal gesalzene Speisen oft als zu salzig empfunden. Eine Untersuchung zeigte: Probanden, die ihre Speisen frei selbst würzen durften, reduzierten ihre eigene Salzzugabe über 24 Wochen schrittweise um etwa die Hälfte, um dasselbe positive Geschmackserlebnis zu erzielen.
Am Teller statt im Topf salzen: Salz, das sich auf der Oberfläche einer Speise befindet, hat direkteren Kontakt zu den Geschmacksrezeptoren der Zunge und wird intensiver wahrgenommen als Salz, das gleichmäßig im Gericht verteilt wurde. So lässt sich derselbe Salzgeschmack mit einer geringeren absoluten Salzmenge erreichen.
Miso-Paste statt Salz: Verleiht Gerichten eine deftige Umami-Note und kann einen Teil der negativen Effekte erhöhter Salzzufuhr kompensieren, während gleichzeitig weniger reines Salz benötigt wird.
Salzfreie Gewürzmischungen: Getrocknete Gemüse-, Kräuter- und Gewürzmischungen ohne Salzanteil liefern intensiven Geschmack ohne zusätzliches Natrium und sind sowohl selbst herstellbar als auch fertig im Handel erhältlich.
Vollwertige pflanzliche Lebensmittel sind im Durchschnitt kaliumreicher als tierische Produkte, wobei es kaliumreiche Vertreter in beiden Gruppen gibt. Gute pflanzliche Kaliumquellen sind unter anderem Cashewkerne und Leinsamen, die sich beispielsweise gut in Currys, Porridge oder Gemüsegerichten verarbeiten lassen.
Ein ähnliches Mineralstoff-Ungleichgewicht betrifft Magnesium: Die durchschnittliche westliche Ernährung liefert heute nur etwa die Hälfte der Magnesiummenge im Vergleich zur Ernährung während des Großteils der menschlichen Evolution. Ein wesentlicher Grund: Beim Raffinieren von Getreide gehen über 90 % des ursprünglich enthaltenen Magnesiums verloren. Da Getreideprodukte oft einen großen Anteil pflanzenbetonter Ernährungsweisen ausmachen, kann eine nicht vollwertig zusammengestellte Ernährung – unabhängig davon, ob vegan oder mischköstlich – ebenfalls zu wenig Magnesium liefern.
Dieser Artikel fasst öffentlich verfügbare wissenschaftliche Studien (u.a. die Global Burden of Disease Study, Lancet 2019) und Empfehlungen von WHO und DGE zusammen und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung. Bei Bluthochdruck, Niereninsuffizienz oder anderen Vorerkrankungen sollten Ernährungsänderungen mit einem Arzt abgesprochen werden.